Wissenschaftliche Grundlage

Aufmerksamkeitsrest (Attention Residue)

Nach einem Aufgabenwechsel bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit bei der vorherigen Aufgabe hängen.

BelegtStand: 19.09.2026

Einordnung

Wer mitten in einer Aufgabe unterbrochen wird, nimmt einen Teil davon in die nächste mit. Sophie Leroy hat diesen Rest experimentell sichtbar gemacht: Die Leistung in der neuen Aufgabe sinkt — besonders dann, wenn die vorherige unerledigt geblieben ist.

Die oft zitierte Zahl «23 Minuten bis zur Rückkehr in den Fokus» stammt nicht aus dieser Arbeit, sondern aus einer Feldbeobachtung von Gloria Mark zu Unterbrechungen im Büroalltag. Sie beschreibt einen Durchschnitt unter bestimmten Bedingungen — keine feste Grösse, die für jede Person und jede Unterbrechung gilt.

Praktisch relevant ist nicht die Minutenzahl, sondern der Mechanismus: Nicht die Unterbrechung selbst kostet am meisten, sondern der unabgeschlossene Zustand, in dem sie passiert.

Beleglage

Was die Evidenz zeigt

Leroy zeigte experimentell, dass Reste der vorigen Aufgabe die Leistung in der neuen beeinträchtigen — besonders, wenn die erste Aufgabe unerledigt blieb.

Mehrere Laborexperimente mit konsistenter Richtung, ergänzt um Feldbeobachtungen. Die Effektgrösse im Alltag ist nicht verlässlich beziffert.

Was sie nicht zeigt

Laborbefunde. Die häufig zitierte Zahl von 23 Minuten stammt aus einer anderen Untersuchung zu Unterbrechungen im Büroalltag und ist keine feste Grösse — sie beschreibt einen Durchschnitt unter bestimmten Bedingungen, kein Naturgesetz.

Was du heute damit tust

  1. 1. Vor dem Wechsel einen Endpunkt setzen

    Nicht mitten im Satz aufhören, sondern den offenen Gedanken in einer Zeile festhalten. In Leroys Experimenten war der unerledigte Zustand das Teure — nicht der Wechsel.

  2. 2. Den nächsten Einstieg notieren, nicht den Stand

    «Weiter bei Abschnitt 3» ist eine Standmeldung. «Als Nächstes: Absatz zu den Kosten schreiben» ist ein Einstieg. Der Unterschied entscheidet, wie lange der Wiedereinstieg dauert.

  3. 3. Übergänge bündeln statt verteilen

    Wenige, bewusst gesetzte Wechsel kosten weniger als viele kleine. Das ist der belegbare Kern hinter jeder Fokusblock-Empfehlung — nicht die spezifische Blocklänge.

Werkzeuge, die darauf aufbauen

Bücher dazu — und wo sie über die Befundlage hinausgehen

Keine Affiliate-Links. Zu jedem Titel steht, was er beiträgt und wo er mehr behauptet, als die Studienlage hergibt.

  • Deep Work
    Cal Newport · 2016

    Popularisiert den Aufmerksamkeitsrest und liefert die klarste Argumentation für geschützte, ungeteilte Arbeitsblöcke.

    Einschränkung: Die Regeln des Buchs sind Erfahrungswerte, keine Studienergebnisse. Der zugrunde liegende Effekt ist belegt, das Programm darum herum nicht.

  • Attention Span
    Gloria Mark · 2023

    Von der Forscherin hinter den Feldmessungen — inklusive der Einordnung, wie die 23-Minuten-Zahl entstanden ist und was sie nicht bedeutet.

    Einschränkung: Beobachtungsdaten aus Büroumgebungen. Was daraus für Homeoffice oder Schichtarbeit folgt, ist offen.

Quellen

  • Leroy, S. (2009). Why is it so hard to do my work? The challenge of attention residue when switching between work tasks. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(2), 168-181. doi.org/10.1016/j.obhdp.2009.04.002
  • Mark, G., Gudith, D., & Klocke, U. (2008). The cost of interrupted work: More speed and stress. Proceedings of CHI 2008, 107-110. doi.org/10.1145/1357054.1357072

Jeder DOI wurde gegen Crossref aufgelöst, bevor er hier steht.

Stand und Änderungen

  • 19.09.2026 — Erste Fassung der Detailseite, beide Quellen gegen Crossref geprüft.

Diese Seite ist von einer Einzelperson zusammengetragen, nicht von einem Fachgremium geprüft. Wenn eine Einordnung falsch ist oder eine neuere Arbeit die Lage verändert, wird sie korrigiert.

Alle Methoden im Überblick
Aufmerksamkeitsrest: was ein Wechsel kostet | Dojitai